Teil II: Fürst Carl August von Nassau-Weilburg

Fürst Carl August erwählte Kibo zu seiner neuen Residenz. Wohl ab 1733 reifte der Plan, den er ab 1734 realisieren ließ.  Carl August hatte die Ideen und bekannte Architekten ihrer Zeit setzten um. Nach dem Gesamtkonzept erfolgte die Umwandlung Kibo von einer umwallten „mittelalterlichen“ zu einer modernen, offenen Rokoko- Stadt. Die benötigten Garten-Grundstücke im Gebiet Pfauengarten erwarb er von

  • N° 130, Maurermeister Paul Pistor, der einen Großteil der Maurerarbeiten am Schloss erledigte, den Ballsaal errichtete und 1737 und 1742 – 1751 auch zum Bürgermeister Kibo gewählt wurde (# 15502);
  • N° 131: von Georg Kraus, (# 11822)
  • N° 132: Andreas Köchlein, Drechslermeister, Einwanderer aus der Schweiz (# 11780)
  • N° 145: von der Witwe des Maurermeister Jacob Werner * 1670 Weilburg, † 4.10.1730; (# 23762)
  • N° 146: Zimmermann Conrad Kunz ( # 11950)
  • N° 147: Johannes Merck, herrschaftlicher Oberjäger (13252)

 

Der Realisierung stand erstmals die nördliche Stadtmauer von der Peterskirche bis zum Café Mandala entgegen. Sie wurde 1734/35 unter dem Protest der Bürger Kirchheims abgerissen, da sie durch diese offene Wunde ihre Sicherheit gefährdet sahen. Andererseits wurden dadurch viele Arbeitsplätze geschaffen. Bürgermeister Georg Friedrich Eberhard (# 5027) verfasste am 16.3.1734 ein Schreiben an den Fürsten, in dem er die Bedenken des Stadtrates und seiner Bürger darstellte. Aber dies alles half nichts, der Graben wurde zugeschüttet und mit den Steinen der Stadtmauer wurde der obere Teil der Schlossmauer (bis zur Orangerie) erreichtet

 

Zentrum war das repräsentative Schloss, das ab dem Herbst 174I herrschaftliche ausgestattet wurde. Das fürstliche Paar war auf Einkaufstour und erwarb nur erlesene Stücke. Bei jeder Heimfahrt brachte das Fürstenpaar kutschenweise wertvolle Möbel, Gemälde und feinste Dekorationsstücke mit, die er und seine Gattin persönlich in Frankfurt ausgesucht hatten. Darunter war wertvolles Porzellan und Tafelsilber, das ihn und seine Gäste bei Tisch erfreuen und vom neuen Ruhm und Glanz zeugen sollte.  Alles war fein säuberlich auf Transportlisten festgehalten worden.

Am Montag, den 2.7.1742 spät abends erreichte das Fürstenpaar aus Richtung Mainz-Kastell mit ihren 15 voll gepackten Kutschen das neue Schloss in Kirchheimbolanden Es war viel zu spät, um noch etwas auszupacken. Deshalb ließ der Fürst die Kutschen unter Bewachung parken und ging nach einem Schlummertrunk zu Bett.   Am nächsten Morgen, ließ der Fürst nach und nach die Kutschen abladen. Er verglich was ankam mit der entsprechenden Packliste. Dies hätte alles so schön sein können, aber dann kam aus heiterem Himmel die eiskalte Dusche, die ihn aus den fürstlichen Planungen in die tiefsten menschlichen Niederungen hinab riss. In seinem Beisein wurde ausgepackt und alles Suchen half nichts, da fehlte bereits die Hälfte der gekauften Wertsachen. Wo waren diese hingekommen? Carl August schöpfte Verdacht und ließ im Schloss und allen Nebengebäuden Inventur machen. Da fehlte ein Großteil der Gegenstände! Wer hatte sie geklaut? Einer schob die Verantwortung auf den Anderen. Keiner wollte es gewesen sein. Fürst Carl August war entsetzt, schockiert. Er schreibt: „während unseres Aufenthaltes in Kirchheim ist von unserem Tafelservice, von den Kutschern und auch sonst wie von den in unserer Livree stehenden Dienern, sogar während der Aufwartung verübte Diebstähle und Entwendungen vorgenommen worden“. Die sprichwörtlich berühmt gewordenen silbernen Löffel wurden ganz einfach eingesteckt und niemand wollte es gewesen sein. Wertsachen waren verschwunden. Wer hatte sie genommen, wo waren sie verblieben? So aufgeschreckt, geschockt ging er rigoros gegen Korruption und Schlamperei seiner eigenen Angestellten & Führungsschicht vor, die sich in den Jahren der franz. Besatzungszeit und somit seiner Abwesenheit eingeschlichen hatten. Mancher Beamter verlor über Nacht seine Stellung. Mit Recht wurde er als harter Hund beschrieben, weil er ohne Ansehen der Person vorging. Er erließ er am Samstag, den 12.7.1742 ( = Vortag zu 7. Sonntag nach Trinitatis) folgende Verordnung.

  1. Ab dem Tag der ordentlichen Verkündigung an gilt Folgendes: Sei er Mann oder weiblichen Geschlechts, Fremde oder Einheimische, welche sich unterstehen, in unserem Schloss oder in den uns gehörenden Gebäuden, Orangerie, Marstall, Büros, Kellereien, Küchen, Zuckerbäckereien, Wasch- und Backhäusern Geld, Hausrat, Mobilien oder sonstiges zu entwenden oder stehlen, was mehr als einen Gulden gekostet hat, so soll diese Person, wenn sie das Lebensjahr zurückgelegt hat, ohne Ansehen und Rücksicht, ob es das erste oder zweite Mal geschehen ist, ob es einen Gulden oder 100 wert sei, zwei mal 24 Stunden aufgehenkt und mit dem Strang vom Leben zum Tod[1] gebracht werden. Die unter 18 Jahren aber sollen nach Maßgabe des Rechts kurzfristig und schleunigst abgestraft und vom Hof weggeschafft und niemals mehr dort gelitten werden.
  2. Dergleichen Leute, die zu den Diebstählen Rat und Tat geben, die gestohlene Sachen in ihren Häusern und Logements verbergen, oder zu dem Verkauf und Fortbringung behilflich gewesen sind, sie mögen davon genossen haben oder nicht, werden mit Auspeitschen bestraft und ewig aus dem Land verwiesen. Aber zuvor müssen sie mit den Hauptverbrechern und Dieben eingekerkert Während des Vollzugs derer Todesstrafe müssen sie zusehen.

Damit mir keiner Unwissenheit vorschützen könne, so soll diese Verordnung nicht allein in der Stadt, sondern auch von den Beamten auf dem Land publiziert und alle Jahre am 7. Sonntag nach Trinitatis von allen Kanzeln und jedem Domestiken von seinem Vorgesetzten laut und deutlich verkündet werden“[2].

Aber da wurde nicht nur geklaut, was nicht niet- und nagelfest war, sondern einige der Beamten,  Schultheißen und Pfarrer waren korrupt, die nur gegen Geld oder geldwerten Vorteil in gewünschter Weise aktiv wurden. Darunter müssten wohl auch die Albisheimer gelitten haben, die bei ihren Waldprozessen oft von merkwürdigen Entscheidungen überrascht wurden. Deshalb erließ der Graf am 24.5.1746 eine Verordnung, um die Korruption einzudämmen. (Suchbefehl → 24.5.1746)

[1]) Scharfrichter zu dieser Zeit waren Valentin Nord und sein Folterknecht & Schwiegersohn  Johann Valentin Hoffmann. Valentin Nord ist der Sohn des Paul Nord, der schon um 1700 das Scharfrichteramt in Kirchheim ausgeübt hatte. Die Kindtaufen und Hochzeiten der Henker Kirchheimbolandens waren sowohl Familien- als r auch Treffen von Berufskollegen aus Oppenheim, Mainz, Mannheim, Becherbach, die zur damaligen Fortbildung gehörten.

[2]) Diese Verordnung wurde vom Fürsten Carl Christian am 24.12.1781 etwas abgemildert. (Akt XXVIII N° 46). Verfasser war Kanzler von Botzheim. Pfarrer Kayser erhielt die als Rundschreiben verfasste VO am 28.2.1782 vom Pfarrer Liebrich und verlas sie Sonntag, Okuli, den  3.3.1782  zusammen mit der vom →12.7.1742.