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1720: Regeln zur Verhinderung der Steuerhinterziehung

1720: Regeln zur Verhinderung der Steuerhinterziehung

Grundlage war der Ertrag, der vor Ort, direkt auf dem Feld gezählt, gemessen wurde. Die uns vorliegende Verordnung bezieht sich auf die Erfassung der Feldfrüchte. Die Kirchheimbolander Verwaltung formulierte in 11 Punkten Verhaltensmaßregeln, um zu verhindern, dass ungezählte Feldfrüchte von den Bauern oder deren Helfern heimlich vom Acker oder aus den Gärten entfernt wurden, um in dunklen Kellern, Scheunen und Böden an dem Steuerbeamten vorbei zu verschwinden. Das Amt Kirchheim ließ die Verordnung von allen Kirchenkanzeln verlesen, damit später keiner die Ausrede vorgeben konnte, er habe davon nichts gehört[1].

Es scheint also Tatsache gewesen zu sein, dass daraufhin während der Erntezeit die kommunalen „Zehntheber“ = Steuerzensoren direkt vor Ort tätig waren und erst die gezählten Garben und Früchte heimgetragen werden durften, wobei der Zehnt unmittelbar einbehalten und täglich in die zuständige Zehntscheune verbracht wurde. Die jeweiligen  Zuwiderhandlungen wurden mit Geldstrafen belegt. Hier einige Beispiele:

  • „Es soll kein einziger Untertan oder wer der auch sein möchte (Landesfremder wie Kurpfälzer), der den Zehnten schuldig ist, einige Früchte auf dem Feld aufladen noch heimbringen, es sei denn zuvor, unsere Zehnt Knechte sind vor dem Aufladen der Früchte dabei gewesen und beim Zählen nicht behindert worden. Dabei sollen auch die kleinsten und schlechtesten Garben erfasst werden. Wer dawider handelt, hat eine Strafe von 10 Kreuzer zu zahlen.“
  • Da derweilen auch die Ackersleute dem Schmied und dem Feldschütz deren Lohn auf dem Feld vor der Zehnterfassung missbräuchlich übergeben, soll solches künftig nicht mehr geschehen. Angedrohte Strafe 5 X.
  • Die Bauern dürfen ihren Schnittern[2] erst ihren Lohn zahlen, wenn die Tagesernte vom Zehnt Knecht gezählt worden war. Folglich erhielten die Schnitter = Taglöhner kein Bargeld, sondern Sachbezüge, die allerdings die Bemessungsgrundlage für die Besteuerung nicht reduzieren durften. Die angedrohte Strafe betrug 5 Kreuzer.
  • Einige Albisheimer hatten weder Zugtiere noch große Karre hatten. Aber dafür hatten alle einen Bollerwagen (= Handkarren) wie man aus den Inventarien ersehen kann. Vorteile, kleine Mengen konnten so von zwei Kindern gezogen werden und zum anderen brauchte man keine Kuh vorspannen. Zudem trugen die Familienmitglieder die Früchte entweder auf dem Rücken oder auf dem Kopf nach Hause. Aber zuerst musste der Zehnt Knecht auch diese Erträge erfassen.
  • „Des Nachts oder des Abends nach dem Geläut, so auch Mittags in der Ruhestunde von 11 bis 1 Uhr (= 13 Uhr) soll keiner, wer der auch sei, Frucht aus dem Feld führen, damit er sich vor Verdacht und womöglich vor Schaden hüte. Strafe 6 X“.
  • Es sollen auch die Hirten, als Schäfer, die Sau- und Kuhhirten mit dem Vieh aus dem Feld bleiben, bis und so lange die Zehntfrucht nicht ermittelt und weggebracht wurde.
  • Das Gleiche gilt auch für die Gänse, die erst in die Stoppeläcker getrieben werden dürfen, als die „Frucht“ gänzlich weg geschafft worden war.
  • „Bei bösem Verdacht und Argwohn, in der sich ein Zehnt Knecht befindet, so soll er abgeschafft (= entlassen) und der Verbrecher der schweren Leibesstrafe öffentlich auf dem Albisheimer Marktplatz unterworfen werden, damit die bestechliche Brut ausgerottet und die anderen an ihre Pflichterfüllung erinnert werden.“.

Die Ernte erfolgte in einem schmalen Zeitfenster. Die Familien waren Ernteprofis. Jedes Mitglied hatte seine Funktion. Aber trotzdem brauchte man zusätzliche Hände, Erntehelfer, Wanderarbeiter. Sie nannten sich Schnitter, Strohschnitter und waren mit ihren Familien unterwegs. So wird bei der Kindtaufe am 3.9.1712 als Pate Johann Eberhard Volkmar als Strohschnitter genannt. Dann ging es ratz fatz. schneiden, binden und stellen. Da wusste man abends, was man getan hatte. Zudem musste es danach tagelange trocken sein, damit aus den Garben die Restfeuchtigkeit entweichen konnte. Aber wenn dann plötzlich Gewitterwolken aufzogen, kam die Ernte schnell unter Dach und Fach, egal ob der Steuerknecht sie gezählt hatte oder nicht.  Und dazu kamen zwischen durch die obligatorischen Gemeinschaftsleistungen (Fronarbeiten), zu denen alle außer den Mennoniten und den Juden verpflichtet waren. Die Juden zahlten ersatzweise das Frongeld, das damals 5 Gulden betrug. Sie fehlten also in allen Fronlisten bis 1792!

[1] ) Diese 3seitige Verordnung hat kein Ausstellungsdatum. Vom Schriftbild her könnte das Schriftstück um 1720 abgefasst worden sein. Die Pfarrer mussten also von der Kanzel herab dies verlesen. Was war mit den Mennoniten und Juden?

[2]) Die Schnitter waren ganz wichtige Saisonarbeiter, die mit ihren Familien unterwegs waren. Sie sind vergleichbar mit den landwirtschaftlichen Arbeitern aus Osteuropa. Am 18.7.1723 bekam das Schnitterehepaar Wilhelm & Anna Catharina Hönneck Nachwuchs. Wilhelm arbeitete für die Familie Herbst auf dem Heyerhof, wo sie auch eine Kammer bewohnten  Die Familie stammte aus dem Hohenloh´schen