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Armut und Elend in der Nordpfalz

Armut und Elend waren weit verbreitet, Beispiele, von Detlef Uhrig

Ende des 19. Jahrhunderts war die Not der Mehrheit der Arbeiter Bevölkerung sehr groß. I.d.R. wurden sie nur für bestimmte, z, T. saisonale Aufgaben eingestellt Und hatten sie Arbeit, dann reichte der Tageslohn  gerademal für das Existenzminimum. Bei Krankheit und Verdienstausfall begann das große Elend der Familie und die Gemeinde, bzw. dessen Almosenfonds musste einspringen. Da war kein Platz für Nächstenliebe. Arbeitsunfähige Alte wurden ins Armenhaus nach Frankenthal abgeschoben oder mussten zurück in ihren Geburtsort, der dann überlegte, wie man die unnötigen Essen wieder loswerden konnte.

Ein breites Feld der kommunalen Aufgaben war die finanzielle Unterstützung der Halb- und Vollwaisen, die aus der Armenkasse finanziert wurden. Wegen der vielfältigen Aufgaben hatte der Gemeinderat den Lehrer Johannes Dern als Rechner bestellt, der einen 1871 einen extra Haushalt mit 267 fl verwaltete. Der Armenfonds hatte 1865 über einen hohen Kassenbestand von etwas über 700 Gulden verfügt, die mit Zustimmung des Pfarrers und des Gemeinderates an die Frau Apollonis Mosis aus Mauchenheim zu 5 % ausgeliehen worden waren. Frau Mosis zahlte pünktlich am 31.12. eines jeden Jahres die geschuldeten Zinsen von 35 fl, die logischerweise als Einnahmen verbucht wurden. Der größte Betrag mit 200 Gulden stammte aus der Gemeindekasse, während 32 Gulden Genehmigungsgebühren  für diverse Tanzveranstaltung[1] waren. Wer wurde unterstützt?

  • So lebte das Waisenkind Christian Würz bei der Familie des Wilhelm Schneider[2]. Die Sachkosten trug der Almosenfonds. Damit der Junge richtig eingekleidet werden konnte, erwarb die Gemeinde bei ihrem Kaufmann Rettig diverse Kleiderstoffe: am 8.1.1870 für je 10 Ellen blaues und weißes Hemdenzeug je 2 fl 40, das Sacktuch (= Taschentuch) und das Halstuch kosteten 36 x. Am 16.4.1871 bezahlte die Gemeinde Stoff für seine neue Hose, Weste 4 fl 46 und 20.7.1871 bekam Christian Würz noch neue Hosenträger für 12 x. Zusammen kassierte der Stoffhändler Rettig 10 fl 54 x. Christian starb in 1874. Der Schreinermeister Martin Göhring machte seinen „Totensarg“[3] für 6 Gulden 48 (Rechnung v. 30.9.1874).
  • Christians Schwester Apollonia war bei Christian Deibel, * 20.2.1837 untergebracht. Für das Mädchen erwarb der Almosenfonds am 24.3.1871 diverse Baumwollstoffe für zwei gefütterte Kleider, Halstuch etc. Kosten 17 Gulden 16 x. (Beleg #15/1871). Die Kleider nähte der Albisheimer Schneider Peter Keller. Apollonia bekam im Dezember 1871 neue „Stiefelchen“ vom Schuhmacher Valentin Mußkopf angefertigt. Preis 2 fl 54!
  • Bei Christian Deibel lebte auch die Vollwaise Apollonia Genzlinger, deren Verpflegung halbjährlich 12 fl und 30 Kreuzer kostete. (Über das Mädchen fand ich keine genealogische Daten)
  • Barunterstützung erhielten die Frauen Maria Avenius, Christina Hassinger, Elisabetha Keller & Elisabetha Renner, sowie Friedrich Braun. Die Zahlungen für die 5 Personen beliefen sich auf zusammen 67 fl 12 x
  • Besonders auffallend war die Zahlung der Gemeinde Albisheim an die Königliche Strafanstalt in Zweibrücken, wo Johannes Hedderich, * 8.9.1838, wo Hedderich in den Jahren 1871/72 über 15 Monate eingesessen hatte[4]. Die Gemeinde Albisheim bezahlte für die Verpflegung einen monatlichen Beitrag von 1 Gulden 30 X an das Landesgefängnis. Zur Hedderichs Person: Er war am 8.9.1838 in Albisheim auf die Welt gekommen und hatte beim Bayerischen 2. Infanterieregiment in München seinen Militärdienst abgeleistet. Nach seiner Entlassung heiratete er am 24.3.1869 Elisabetha Geib, * 24.12.1834 in Roßbach, mit der er bereits vor seinem Militärdienst einen Sohn gezeugt hatte. Am 12.4.1873 kam seine Tochter Elisabetha auf die Welt, aber Hedderich war bereits spurlos in den USA verschwunden und tauchte auch nicht wieder in Albisheim auf. Wohl oder übel musste Elisabetha Geib allein ihre Kinder aufziehen. Da Elisabetha fleißig war, nahm sie jede Arbeit in Albisheim an.

Elisabetha Geib hatte nie wieder Glück in ihrem Leben gehabt. Als alte Frau, unfähig weiter zu arbeiten, fiel sie dem Almosenfonds zur Last. Besonders beschämend war, dass der Gemeinderat Albisheim in seiner Dezembersitzung von 1902 beschlossen hatte, für sie einen Bettplatz geringstbietend versteigern zu lassen, damit sie nicht obdachlos irgendwo vegetieren musste. Die Ehefrau des Martin Beck ersteigerte sie für 8 Mark (acht Mark) im Jahr und stellte ihr eine Bettstelle irgendwo in einer schäbigen Stallecke zur Verfügung. Welch eine Schande! (Quelle Beleg 38/1902 Armenfonds)

  • Ein weiterer interessanter Fall ist das Pflegegeld für die Anna Maria Weil, geb. Brubacher, die am 25.1.1826 dank der Genehmigung des Königlichen Bezirksgerichts Kaiserslautern vom 8.12.1846 den Johannes Weil, * 30.9.1814 in Immesheim, heiraten dürfen. Kurz darauf heiratete das Paar. Wieso eine Genehmigung eingeholt werden musste, ist nicht mehr einsichtig. Wie auch immer, Anna Maria Weil wurde 1871 oder auch schon vorher im „Rettungshaus“ auf dem Inkthalerhof bei Rockenhausen untergebracht.

War dieses Haus eine Irrenanstalt oder ein Pflegeheim für schwer erkrankte Personen gewesen? Auf jeden Fall, die Gemeinde bezahlte aus der Armenkasse für 1871 = 40 Gulden, wie die obige Quittung belegt.

  • Auch schon früher gab es Altersarmut. In den Jahren 1871 bis 1875 war davon Elisabetha Renner, geb. Best betroffen. Die alte Dame war am 24.10.1795 in Harxheim auf die Welt gekommen und hatte am 14.5.1818 Johann Georg Renner, * 26.9.1789 aus Stetten, geheiratet, der in der Bayerischen Armee gedient und gegen Napoleon gekämpft hatte. Kurz nach ihrer Hochzeit wurde die Stelle des Feldhüters frei, die er bis Anfang 1859 ausübte. Sein Jahresgehalt betrug in seiner aktiven Zeit 120 Gulden, mit dem seine Familie recht gut auskam. Im Winter 1859 ging es ihm gesundheitlich schlecht und er bat Anfang Februar 1859 aus diesem Dienst entlassen zu werden. Der Gemeinderat entsprach in seiner Sitzung vom 2.3.1859 dieser Bitte und wählte als seinen Nachfolger Joh. Philipp Hedderich.

Joh. Georg Renner verstarb 3 Monate nach seinem 70. Geburtstag am 19.12.1859 und seine Frau Elisabetha Renner, geb. Best stand mittellos und allein da, obwohl sie noch 8 lebende Kinder hatte. Aus der Almosenkasse erhielt sie nun monatlich etwas mehr als 1 Gulden, also nur noch 1/12 des vorhergehenden Salärs. Sie starb fast 80jährig am 18.1.1875 in Albisheim. Die Beerdigungskosten bezahlte die Armenkasse Albisheim.

[1]) Valentin Gießen zahlte jeweils 2 fl für die Tanzmusik am 6.6.1871 und 16.7.1871, für den dreitägigen Tanz 6 fl am 17. 19.9.1871, der Wirt Joh. Koch machte am 16.7.1871 einen Ball. Karl Born ließ zum Königsfest nur einmal die Puppen tanzen, Jacob Weigel ließ an 2 Tagen die Tanzkapelle aufspielen.

[2]) Wilhelm Schneider, * 25.8.1838 hatte am 9.2.1864 Louisa Stelzer, * 16.3.1838 geheiratet. Für Christians Verköstigung bezahlte die Gemeinde halbjährlich 40 Gulden. Beleg 21/1871

[3]) Der Sarg des Kleinkindes Susanna Karius, Tochter der Susanna Karius * 19.6.1842 kostete nur 2 fl 30, den der Schreiner Kröhl von Einselthum gefertigt hatte.

[4]) Aus den Albisheimer Unterlagen ist der Haftgrund nicht ersichtlich!.