Schulordnung vom 24.8.1737, von Detlef Uhrig

Schulordnung vom 24.8.1737

Graf Carl August zu Nassau Weilburg erließ auch deshalb am 24. August 1737 eine 16seitige Schulordnung[1], die endlich der Schlamperei und dem Chaos in den Schulen ein Ende bereiten sollte. Er schreibt, ihm sei zu seinem Missfallen vorgebracht worden, wie das Schulwesen in seinem Lande fast an allen Orten in einen großen Verfall geraten sei. Auf Grund der ihn tragenden Landesväterlichen Fürsorge sähe er sich gezwungen, der großen Unruhe unter der Jugend und dem daher entstandenen rohen, wilden und unchristlichen Gewalt Einhalt zu gebieten. Der Graf schreibt weiter:

Das Schulgehen der Kinder sei in vielen Orten nach vielfältig eingegangenen Klagen und Berichten derart unregelmäßig (in einen solchen Abgang gekommen), dass manche Kinder den ganzen Herbst oder andere schon zur angefangenen Winterzeit kaum zur Schule zu bringen seien, aus welcher sie dann, nach beginnender Frühlingszeit  wiederum ausblieben. So gehen etliche kaum ein Viertel Jahr, andere überhaupt nicht zur Schule. Dadurch können sie weder richtig Lesen, noch Schreiben und die christliche Erkenntnis  bleibt ihnen ein Leben lang verschlossen. [2] Deshalb erinnerte er die Eltern bzw. die an Eltern statt handeln, so eine unchristliche und unverantwortliche Nachlässigkeit ihrer Kinder nicht zu gestatten. Viel weniger solche, unter dem Vorwand einiger notwendiger Haus- und Hofarbeit sie zurückzuhalten und sie zu Hause selbst zu unterrichten. Er verlangte auf die christliche Erziehung mit rechtem Ernst bedacht zu sein. (Seite 2)

  1. Der Graf schreibt weiter, er bestehe darauf und verordne, dass gemäß der vor längerer Zeit ergangenen obrigkeitlichen Verordnung die Schule das ganze Jahr hindurch friedlich gehalten wird. Die Schule muss sogleich in der Woche nach Michaelis (=29. Sept.) ihren Anfang nehmen und zudem am Sonntag vorher muss die Verkündigung von der Kanzel mit eindringlicher Ermahnung verlesen werden. Zu diesem Gottesdienst müssen sich alle Einwohner Worauf dann alle Kinder die folgende Herbst- und Winterzeit hindurch bis in den Frühling, bis zur angehenden Maienzeit ohne Aussetzung zur Schule gehen müssen. Kinder, die zu keiner sonderlichen Haus- oder Feldarbeit fähig sind, aber auch die, die konfirmiert werden, müssen bis zum Heiligen Pfingstfest in den Unterricht gehen. Aber diejenigen, die zu einiger Arbeit tauglich sind, müssen täglich noch 2 Stunden vormittags, die anderen zwei Stunden nachmittags sich zur Schule einfinden. Und damit sich niemand unterfängt, dieser unserer Verordnung eigenwillig entgegen zu handeln, so sollen die Schulmeister ein richtiges Verzeichnis ihrer Schulkinder zu jeder Zeit führen. In dem sollen sie die Kinder vermerken, die den Schulbesuch ohne Ursache oder ohne nachgesuchte Erlaubnis meiden. Die Erlaubnis soll nicht so leicht und auch nicht bei vorgeschützter Notwendigkeit erteilt werden. Das Verzeichnis hat der Schulmeister seinen Pfarrer vorzulegen, damit der bei jedem Versäumnis den Eltern einen Albus Strafe auferlegen kann. Sollte sich aber jemand dieser Strafe verweigern oder nach ergangener Erinnerung nicht bezahlt haben, so sollen die Beamten nach geschehener Anzeige, die erforderliche Vollstreckung (Exekution) vorantreiben.
  2. Weil auch viele Eltern ihre schlechte Vorsorge für ihre Kinder bestens zu erkennen geben, indem sie diese kaum vor dem oder 9ten Lebensjahr zur Schule schicken, obwohl diese vorher dazu in der Lage wären, so wollen wir bestätigt wissen, dass Eltern ihre Kinder nach dem sechsten Lebensjahr, oder wenigstens sogleich mit dem Anfang des 7. Jahres zur Schule schicken. Und wo sie solches unterlassen, müssen sie trotzdem zur Entrichtung des Schullohns angehalten werden. Die Pfarrer werden verpflichtet, kein Kind zu konfirmieren, das nicht die geforderte Tüchtigkeit (=Schulabschluss) erlangt hat. Kinder dürfen erst mit dem 14. Lebensjahr konfirmiert werden, es sei denn, dass einige erhebliche Umstände eine vorzeitige Konfirmation nötig machen. So sollte es niemanden einfallen, etwas zu verfügen, sondern er wird hiermit angewiesen, die Genehmigung bei unserem Superintendenten einzuholen, der nach gewissenhafter Überprüfung die Erlaubnis dazu erteilen kann. Damit diesem Kind die christliche Lehre nicht so leicht entfallen möge, so sollen diese Kinder noch den nächsten Winter nach ihrer Konfirmation zur Schule gehen und die Eltern sollen den halben Schullohn ihretwegen bezahlen.
  3. Bezüglich des Schulhaltens selbst und der dabei beobachteten Unterrichtung von Zucht und Ordnung veranlassen wir, dass der Kaplan und Schulmeister die vorher bestimmte gewöhnliche Schulstunde ordentlich beobachten und nichts abkürzen. Die Kinder sollen eindringlich dazu angehalten werden, dass sie sich zum Unterrichtsbeginn pünktlich einfinden mögen, da zuvörderst das gemeinsame Gebet am Anfang des Unterrichts steht. Der Schulmeister hat darauf zu achten, dass sich dabei die Kinder still und andächtig zeigen. Denn dies geschieht in der Allgegenwart Gottes und seines Heiligen Angesichts. Die Kinder sollen lernen, dass sie sich im Gebet, bei allen Gelegenheiten, selbst beim gewöhnlichen Morgen– und Abendgebet, an die Allmacht unseres Heiligen Vaters und den Christlichem Glauben erinnern.
  4. Sollte der Anfang der Schullektion mit der Lesung eines Kapitels aus dem Neuen Testament oder aus einem Psalmen beginnen oder zuweilen auch mit einem Kapitel aus dem Zucht- und Sittenbuch gemacht werden, so soll solches mit lauter Deutlichkeit und langsamer Aussprache von solchen Kindern der Reihe nach geschehen, welche des Lesens schon etwas mächtig sind. Nach dem Lesen mag der Schulmeister den einen oder anderen Spruch, der darin vorgekommen ist, mit seinen eigenen Worten deutlich machen.
  5. Weil Gottes Wort der beste Schatz ist, den man durch christlichen Unterricht in die Herzen der Jugend pflanzen und bewahren kann, so ist es die vornehmste Aufgabe des Schulhaltens, dass der Schulmeister bald damit den Anfang macht, und zum Ende ganz kurz mit erlesenen Sprüchen aus der Heiligen Schrift dies verinnerlicht. Dazu haben wir den Schulen das übliche Sprüchebuch oder die Ausgabe des Nassauschen Katechismus an die Hand gegeben. Außerdem sollte durch die Beobachtung der Predigten, den Kindern die erste christliche Einsicht gleich einflößen.
  6. Der Schulmeister hat hiernach den Katechismus Luthers mit allem Fleiß zu vermitteln. Mit den größeren Kindern hat er täglich ein Hauptstück daraus am Vor– und Nachmittag durchzunehmen und solches deutlich und langsam hersagen zu lassen, damit die Kleinen durch das öftere Anhören einen guten Vorteil zu ihrer Erlernung gewinnen mögen. Der Lehrer hat dann durchzusetzen, dass die Kinder sich einer lauten, vernehmlichen und deutlichen Aussprache beim Lesen und Rezitieren bedienen.
  7. Zur Erlernung des Lesens sollen die Schulmeister sich sonderlich bemühen, ein stabiles Fundament durch das richtige Buchstabieren zu legen. Durch häufiges Wiederholen sollen die Kinder eine gehörige Fertigkeit gewinnen. Sofern dann die Kinder ziemlich gut Gedrucktes lesen können, sollen sie auch zum Briefe lesen angehalten werden. Und zwar so lange, bis sie ganz allein, deutliche Handschriften, aber auch undeutliche Akten lesen können. Zuweilen soll sie solche Handschriften lesen, die sie noch nicht kennen. Und nun zum Schreiben. Es ist auch im gemeinen Leben eine unentbehrliche Sache. So soll es keinem Kind freistehen, ob er schreiben lernen soll oder nicht. Sondern es soll täglich sein Schreib-Buch zur Schule mitbringen und sich befleißigen, so viel im Schreiben zu lernen, als es nötig sein mag. Es recht nicht aus, nur seinen Namen schreiben zu können, sondern es ist im gemeinen Leben gleichfalls so nützlich, wie das Rechnen, das jeder Schüler beherrschen soll.
  8. Dieser Punkt der Schulordnung befasst sich mit der Prügelstrafe zur Durchsetzung der Schuldisziplin. Etwa in der Mitte des über zwei Seiten gehenden Punktes schreibt der Graf, dass er nicht ohne Befremden von der einen oder anderen Schule erfahren musste, dass viele Eltern die wohl überzogene Züchtigung ihrer Kinder durch die Lehrer kritisieren. Es sei unangemessen, wie die Schulmeister auf eine ungestüme Art und Weise, mit Drohen und mit wohl bitteren Schimpfworten auf die Schüler einprügeln. Wir fordern die Schulmeister auf, keine Züchtigung ohne erhebliche Ursache bei bitterer Laune, bei heftigem Zorn mit Ungestüm auf eine allzu strenge Art vorzunehmen. Sondern sie sollen bedenken, dass sie in ihrem ganzen Amt mit väterlichem Herzen mit den ihnen anvertrauten Kindern verfahren müssen. Andernfalls müssen sie mit dem Undank der Eltern rechnen. Nun zum Lehrerlohn: Die Eltern dürfen nicht vorsätzlich die Zahlung verweigern. An etlichen Orten wird darüber geklagt, dass den Lehrern die schlechtesten Früchte gereicht wurden. So soll jeder Schultheiß und Bürgermeister darauf achten, dass den Lehrern fristgemäß und vollständig ihre Sach- und Geldleistungen erhalten, damit sie keine Amtshilfe beim Oberamt anfordern müssen, wie dies im Falle des Lehrers Rothenberger aus Albisheim notwendig geworden war.
  9. Die gräfliche Verordnung fordert, dass jeder Pfarrer eine sorgfältige Aufsichtspflicht über seine Schüler hat. Dies sei kein geringes Stück seiner Amtspflicht. Die Verordnung verlangt, dass der Pfarrer jede 3. oder Woche seine Schule, auch die Filialschule, aufsuchen muss. Er soll den Unterricht beobachten und dabei den Lehrer in seinem Unterricht beraten. Außerdem soll der Pfarrer die Schüler durch Fragen einer kurzen Prüfung unterziehen, um sich selbst vom Lernfortschritt zu überzeugen. Dabei soll er den Fleißigen ein gebührendes Lob zollen, aber den Trägen und Unartigen eine wohl verdiente Predigt halten.
  10. Lehrerverhalten: Der Lehrer soll sich entsprechend seinem Stand und nicht etwa unanständig verhalten. Er soll der Jugend ein Vorbild sein und ihr mit gutem Fleiß, mit Rechtschaffenheit und Treue den Weg weisen. Dem Schulmeister ist es nicht erlaubt, während der Schulstunden eigene Handarbeit im Haus, Garten oder Feld zu verrichten. Es ist nicht zulässig, dass er das Abhören älteren Schülern oder seinem Weib überlässt. Der Lehrer darf nur die eingeführten Schulbücher verwenden, und keine anderen, die ihm gefallen oder die, die die Kinder von zu Hause mitbringen. Der Lehrer möge ansonsten den Schülern in allerlei Angelegenheit beistehen und ihnen eine helfende Hand bieten.

Schluss: Der Graf fährt fort, wir zweifeln nicht daran, dass durch die sorgfältige Beachtung dieser Verordnung das Schulwesen sich bessern wird. Es ist unsere gute und christliche Absicht, der Jugend eine bessere christliche Unterrichtung und Erziehung zu ermöglichen. Die dagegen handeln,  werden unsere Ungnade empfindlich spüren. Diese Urkunde haben wir eigenhändig unterschrieben

Weilburg, den 24. August 1737

[1] ) Die Schulordnung ist handschriftlich und in Kopie allen Gemeinden zur Kenntnis gebracht worden. Sie trägt die Akten N° XXII, 14.

Anhang: Kopien der Schulordnung von 1737