Fürst Carl Christian 1753 – 1788, von Detlef Uhrig und Rebekah Brand

Fürst Carl Christian von Nassau-Weilburg, 1753 – 1788 (Carl =.ursprüngliche Schreibweise)

Bild aus Internet

( * 16.1.1735 Weilburg, † 28.11.1788 in Dreisen)

Nach dem erwarteten Ableben des schwer kranken Fürsten erstritt Fürst Carl von Nassau-Usingen beim Reichskammergericht in Wetzlar das alleinige Vertretungsrecht für den noch minderjährigen Carl Christian. Da de La Pottrie den letzten Willen des verstorbenen Fürsten gefährdet sah, bat er den Kaiser Franz I. in Wien um die Erteilung der Großjährigkeits-Erklärung für seinen Schützling, die auch im August 1754 bereits erfolgt. Er übertrug jedoch die Regierungsgeschäft an De La Pottrie und ging in die Niederlande, wo er verschiedene leitende Funktionen ausübte. So wurde der Brigadegeneral, war eine Zeitlang Gouverneur von Bergen op Zoom und Maastricht. Mit 25 heiratete er am 5.3.1760 die 17jährige die Prinzessin Anne Carolina von Oranien-Nassau-Diez * 28.2.1745 in Leuwarden. Aus Anlass ihrer Hochzeit finanzierte das Paar der Gemeinde Dannenfels ihre Stummorgel; Carolina brachte 16 Kinder zur Welt, von denen nur 7 das Erwachsenenalter erreichten. Carolina † 6.5.1787 in Kibo. Das Ehepaar bezog ab 1770 ihr Schloss in Kirchheim, Im Januar 1778 kam Mozart mit seiner Freundin Aloysia Weber zu Besuch und spielte in der Paulskirche Kibo

Die Regierungsgeschäfte hatte Carl Christian seinem früheren Erzieher De la Pottrie überlassen. Inwieweit Carl Christian Einfluss auf die Politik Pottries nahm, müsste noch untersucht werden. Auf jeden Fall tragen alle Verordnungen den Namen des Fürsten. Diese Zeit war für das Oberamt Kirchheimbolanden und seinen Dörfern ein großer Segen. Seine Politik war liberal, fortschrittlich, Problem orientiert. Als de la Pottrie am 27.3.1772 im Alter von 72 Jahren in Kibo starb, soll Fürst Carl Christian tagelang geschluchzt haben wie ein Schlosshund. Carl Christian ernannte den Freiherrn Friedrich Ludwig von Botzheim, * 1730, († 2.3.1802) als dessen Nachfolger. Nach dem Tod des Fürsten Carl Christian am 28.11.1788 in Dreisen (bei Kibo) berief sein Nachfolger Friedrich Wilhelm von Nassau nach dessen kaiserlichen Vollmachtserklärung vom 23.1.1789 den Freiherrn Hans von Gagern zu seinem „Ministerpräsidenten“ in Nassau-Weilburg, Die Fürstenfamilie dürfte ab Ende 1769 sich oft und jeweils für eine längere Zeit in Kibo aufgehalten haben, denn dort kamen ab 1770 ihre Kinder zur Welt. Die Leistungen des Fürsten Carl Christian sind beachtlich und auch in den örtlichen Archiven nachweisbar: u.a.

  • 4.11.1755: Verordnung  gegen Korruption (lies unten)
  • Förderung der Landwirtschaft durch Schaffung von Prämien, Wettbewerbe, Auszeichnungen guter Leistungen der Bauern, aber auch deren Beschäftigten.
  • Umwandlung des Rokoko-Schlossparks in einen englischen Garten,
  • Neubau der Orangerie in Kibo
  • Einführung der Simmentaler Rinder, anstatt des Donnersberger Rindes, Förderung der Imkerei, Anpflanzen von Obstbäumen entlang der Wege und Straßen;
  • Gesetzliche Regelungen des Viehhandels zur Schaffung von Rechtssicherheit für die Vertragspartner = Registrierung aller Verkäufe, Wertfeststellung der gehandelten Tiere durch 3 unabhängige Fachleute!
  • Gründung von Versorgungskassen für Pfarrer, Beamte und Lehrer,
  • 28.8.1765: Eltern schickt eure Kinder auf Gymnasium in Weilburg
  • 20.12.1769: Schulordnung
  • 15.6.1770: Verbot des Glücksspiels in Kibo,
  • Gesetz gegen Korruption,
  • 24.12.1781: Strafrechtsreform, (Bericht folgt)
  • Schulordnungen, Einführung des berühmt, berüchtigten ABC Lesebuchs
  • Arrangement mit der Uni Heidelberg, um deren Grundstücke in der Gemarkung Albisheim in regionalen Besitz zu bringen.

4.9.1755: Kampf gegen Korruption

20.9.1755: Fürst Carl Christian schrieb aus Den Haag. u. a.

Fürst Cyrl Christian befahl seinen Bediensteten, ohne Ausnahne erstlich anbefohlen, dass
  1.  keiner außer der ihm zustehenden Besoldung in Fix und Prämie sich weiteren Nutzen anmaßen darf,

  2. die ihm “anvertrauten Gelder zu seinem  eigenen Vorteil verwenden oder gar unterschlagen darf und

  3. in Verrichtung seines Amtes durch Geschenke an Geld oder geldwertem Vorteil, welchen Namen es auch haben soll, weder selbst noch durch die Seinen sich blenden, bestechen und zur Ungebühr verleiten lassen soll. ….. Das Geld, der unrechtmäßige Wert wird beschlagnahme und dem Anzeiger zur Hälfte gegeben. Wird der Bedienstete das 2. Mal erwischt, dann wird er aus dem Dienst entfernt, egal ob es wenig oder viel war.

5.  dergleichen galt für Gemeindegüter, wie auch Vergeudung Untertanen Besitzes, besonders Witwen und Waisen, auch auch bei in Konkurs befindlichen Gütern und Effekten, zum Nachteil  durch Wucher und Gewinnabsichten, weder durch den Beamten, noch durch andere zu unternehmen, ebenso nachdrücklich verboten. Wonach hat ein jeder zu achten,  somit sich vor Strafe, Schimpf und Schande zu hüten hat. 

 Anmerkung der Autoren:  Seit 1714 wurden Hinterlassenschaften, die Erbfälle, die Versteigerungen alle korrekt erfasst und jeweils von 2 Gutachtern (des Gerichts) bewertet.  Im Amt Kibo galt eindeutig der Schutz der Witwen- und Waisen. In keiner der Vielzahl der Urkunden konnte irgendeine Unregelmäßigkeit entdeckt werden. Ausnahme ist der spektakuläre Bestechungsfall von 1704 als Pfarrer Gräser für 450 Gramm Gold das Rothenkircher Pfarrgut auf seinen Enkel übertragen konnte.

#Beurteilung der Fürsten Joh. Ernst, Carl August und Carl Christian: hervorragende, vorbildliche, moderne Amtsführungen, auch dank der Führungskräfte.

30.9.1755: ergänzendes Schreiben zur obigen gedruckten Verordnung

der Fürstlich Nassau Saarbrückische Präsident, Geheimer Direktor und Regierungsrat Wißmann schrieb:
“Nachdem auf des Fürsten gnädigsten Befehlt die bekannte Verordnung  wegen Beförderung der Geschäfte und Verbote der Geschenk Nehmerei, umterm 4. dieses Monats erneuert und zum Druck befördert worden, damit solche nicht allein angeschlagen und von den Kanzeln abgelesen , sondern auch jedem Bediensteten ein Exemplar davon zur Beachtung angefertigt werden möge
Also übersenden wir davon ein Stück, um solche alle Quartale von der Kanzel abzulesen sind und verbleiben in solchem

 

8.12.1755: Rundschreiben des Weilburger Präsidenten Wimpf an die lutherischen Pfarrer:

Rundschreiben des Präsidenten Wimpf

Nachdem der Gnädige Fürst bisher von verschiedenen Herrn, sowohl Zivil, als Militär Beschäftigten und anderen Untertanen während seines Aufenthaltes außerhalb Landes (in Den Haag) und Untertanen ihn mit unstatthaftem Bittstellungen (Supplicis), auch unnützen und unzeitigen Klagen behelligt, ist daher auf speziellen Gnädigsten Befehl anliegende Verordnung gemacht worden, (die der Autor aber nicht im Autor fand).
Als wir solche Euch zur Nachricht hier nach zu gefertigt, und ist sofort dieses Rundschreiben uns mit unterschriebener Notiz gewöhnlicher maßen unterschrieben zurück zu schicken. Womit wir euch Freundschaft zu erweisen genehmigen. Bleiben, Weilburg den 8ten Dec. 1755.
Fürstlich Nassau Saarbrück Präsident, geheimer Director und Regierungsrat.
Die Pfarrer erhielten: Kirchheim, 14.12.1755, Morschheim 1612.1755, Bischheim 1712.1755 und Albisheim, 17.12.1755,

22.8.1765: Fürst Carl Christian forderte: schickt Eure Söhne ins  Gymnasium nach Weilburg

Die Fürsten von Nassau – Weilburg achteten immer  sehr darauf, dass sie aus eigenen Landen genug gut ausgebildete Nachwuchskräfte für alle zu vergebenden Positionen im Landesdienst zur Verfügung haben würden. Voraussetzung für ihren gut funktionierenden Staatsdienst waren verlässliche Landeskinder, deren Schulbildung, Charakter und Vitae bis zur Geburt sich zurückverfolgen ließ. Für die Grundbildung und die akademische Weiterbildung hatten sie alle günstigen Voraussetzungen geschaffen. Aber das Gymnasium Weilburg war so weit weg, dass einige Eltern aus dem Bezirk Kirchheim sich für nähere kurpfälzische Gymnasien entschieden. Dies aber musste dem Fürsten von Nassau-Weilburg ein Dorn im Auge gewesen sein. Deshalb ließ der Fürst von Nassau die für die Schulbildung verantwortlichen Pfarrer als Dienstvorgesetzte der Schulmeister anschreiben:

„Nachdem Serenessiumus[1] aus höchster Landesväterlicher Fürsorge und zu mehr Aufnahme des hiesigen Gymnasiums gnädigst verordnen gerührt haben, dass alle Landeskinder, die sich dem Studium oder den Freien Künsten widmen wollen, fürhin kein anderes, als hiesiges Gymnasium frequentieren (dürfen). Die Eingesessenen der Ämter Kirchheim, Alsenz und Saarwerden müssen sich auf selbigen wenigstens 2 Jahre aufhalten, wenn sie sich dereinst eine Anstellung und Beförderung in Höchst dero fürstlichen Landen Hoffnung zu machen gedenken wollen…“ Der Fürstlich Nassau Saarbrückische Präsident, Geheimer Direktor und Regierungsrat Weinrich unterschrieb diese Verordnung, die am 28.8.1765 vom Kirchheimer Pfarrer Liebrich, am 29.8. vom Pfarrer Machwirth, am 31.8. von den Pfarrern Liebrich und Johann Adam Gümbel abgezeichnet wurden!

[1]) veraltetes Wort für Durchlaucht, auch scherzhaft für den Fürsten eines Kleinstaates

20.12.1769: Fürst Carl Christian erließ in Kibo diese Schulordnung

Von Gottes Gnaden, Wir Carl, Fürst zu Nassau, Graf zu Saarbrücken und Saarwerden, Herr zu Lahr, Wiesbaden und des Steinschen, Elephanten Ordens Ritter, verfügen hiermit zu wissen. Da wir erfahren müssen, dass ungeachtet der Gesetzen im Jahr 1737 in unseren sämtlichen Landen ergangen wohl eingerichteten Schul-Ordnung die Schulen in unserem Amt Kirchheim demnachin einem sehr unvollkommenen Zustand sich befinden und die zahlreich Jugend nicht hinreichend unterrichtet werde, dass wir uns genötigte  befinden, nicht nur unseren Beamten Pfarrern und Schuldienern befehlen, die Befolgung unserer Schulordnung von 1737 sich eifrigst angelegen sein zu lassen …

  1. Es wird die Gemeinde Albisheim mit ihrem eigenen Wald verpflichtet, ihrem Lehrer einen höheren Gehalt zu zahlen und hauptsächlich das Schulhaus beständig in einem guten bewohnbaren Zustand zu erhalten. Dazu soll sie dem Schulmeister Rothenbergerso viel Brennholz, als er braucht verschaffen und herbei fahren, damit es die Kinder nicht nötig haben, im Winter einen Scheid Holz
  2. Die Schulkinder gehen während des ganzen Winters in die Schule, sie vergessen aber einen guten Teil des Gelernten wieder im Sommer. So verordnen wir, dass die Kinder sehr armer Eltern in den Monaten April, Mai und Juni zur nötigen Feldarbeit eingesetzt werden können, jeden Tag aber in der Woche nur von Mittag bis zwei Uhr in die Schule gehen sollen. Leben die Eltern aber in guten Vermögens-Umständen, so sollen die kleinen, noch nicht kräftigen Kinder in den drei oben genannten Monaten ebenso wie im Winter die Schule regelmäßig besuchen. Was die drei folgenden Monate Juli, August und September anbelangt, so sollen die kleineren zur Feldarbeit untüchtigen Kinder ebenfalls täglich in der Woche die verlangten Schulstunden aushalten. Die größeren, zur Feldarbeit tüchtigen Kinder, sind an den Werktagen vom Unterricht befreit. Sie sind aber verpflichtet an den Sonntagen, wo kein Gottesdienst ist, am Vor- und Nachmittag die Schule zu besuchen.
  3. Für diese Bemühungen sollen die Schulmeister den Sommer hindurch das nämliche Schulgeld – wie in einem Winterquartal – mit
    15 Kreuzern bezahlt werden. Frequentieren Kinder nur sonntags die Schule, so haben die Eltern nur das halbe Schulgeld zu bezahlen.
  4. Die Pfarrer sollen die Schulen fleißig besichtigen und dem Schulmeister eine leichte und geschickte Unterrichts-Methode beibringen, ebenso sollen sie auch die Schulmeister und die Kinder in ihrem Fleiß aufmuntern. Gemäß der Schulordnung von 1737 müssen die Schulmeister brav und gehorsam den Anweisungen des Pfarrers folgen.
  5. Was nun das Schreiben anbelangt, so sollen die Schulkinder an das Schreiben herangeführt werden, sobald sie lesen können. Damit der Schulmeister besser in dieser Unterweisung zurechtkommt, so soll das Amt auf Kosten der Kirchen-Schaffnerei eine ausreichende Anzahl von in Kupfer gestochenen und schön geschriebenen Büchlein für jede Schule sofort anschaffen, damit sowohl der Schulmeister, als auch die Schüler sich in derselben täglich bedienen können. Die ganz armen Kinder erhalten kostenlos das Papier, das aus dem Almosten-Topf auf Vorrat angekauft werde.
  6. Das Rechnen ist für jedermann sehr nützlich. So sollen auch in unseren Schulen die ältesten Kinder, besonders die Knaben darin fleißig unterrichtet werden, sofern es ihnen nicht an der erforderlichen Fähigkeit des Verstandes ermangelt. Sie sollen nicht eher aus der Schule entlassen werden, bis sie die vier Grundrechenarten, den Dreisatz und die Lehre von den Brüchen begriffen haben.
  7. Zur Verbesserung des Schulwesens wird in der Stadt Kirchheimzweimal jährlich ein Leistungstest im Beisein der dortigen Beamten, der Gerichts- und Stadtrates abgehalten, nämlich zu Michaelis und zu Unter die fleißigsten und besten Schüler sollen einige Thaler verteilt werden. Dergleichen Examina sollen künftig auch in den Dorfschulen durchgeführt werden, wenigsten einmal im Jahr.
  8. Entsprechend der Schulordnung von 1737 müssen die Kinder vom 7ten Lebensjahr an die Schulstunden unablässig besuchen und für jedes unentschuldigte Versäumnis war ein Albus zu entrichten. Die Ansetzung und Eintreibung dieser ganz geringen Strafe war wirkungslos. So befehlen wir, dass die Schulmeister bei Vermeidung ihrer eigenen schweren Bestrafung ein Register über alle schulpflichtigen Kinder anfertigen und ein besonderes Journal ganz akkurat führen, in die täglich ausbleibenden Kinder eingetragen werden. Beide Listen sind jeweils am Ende eines Quartals dem Amt einzureichen, das dann von sich aus den Eltern der säumigen Kindern ein Strafgeld auferlegen wird. Das Strafgeld wird ohne Nachsicht  und zum Besten der Schule aller eingezogen, das dann zur Anschaffung von Schulpapier oder zur Finanzierung der Auszeichnungs-Prämien herangezogen werden soll.
  9. Dieser Verordnung müssen sämtliche Beamte, Schultheißen, Gerichtsleute und Schuldiener im ganzen Amt Kirchheim nachkommen und sich äußerst angelegen lassen und sie sollen das Ihrige dazu beitragen, dass diese Verordnung vollkommen beachtet wird.

Diese Verordnung wurde in Albisheim am III. Sonntag nach Epiphanias vom Pfarrer Gümbel von der Kanzel verlesen. Und die guten Schüler durften hinterher das Gymnasium in Weilburg besuchen, wie die beiden Brüder Henrich Wilhelm Corell, * 24.6.1745 und Wilhelm Peter Corell, * 24.12.1751. Henrich Wilhelm war später Lehrer in Winnweiler und Sippersfeld und sein Bruder Willi Peter wurde Schulmeister an der Mädchenschule in Kirchheimbolanden!

1769:  endlich: die Fürstenfamilie bezog die Residenz in Kirchheimbolanden

Um seiner geliebten Gattin Carolina das Leben so angenehm wie möglich zu machen, ließ Fürst Carl Christian Kirchheimbolanden im neuen liberalen Zeitgeist modern gestalten. Der streng symmetrische barocke Schlosspark wurde im Stil der Zeit in einen Englischen Schlosspark umgewandelt- gestaltet von Rolli.
Die Stadtmauer vom heutigen Schuhhaus Göbel bis zum Café Mandala wurde abgerissen und mit den Steinen wurde die Mauer des Schlossparkes aus 1735 verlängert (siehe unten, rechts neben den Fußgängern beginnt die Verlängerung).

Im früheren Stadtgraben  entstanden die Keller schicker Wohnhäuser

Die Bürger fühlten sich unsicher und bedroht. Sie protestierten gegen den Abriss der Stadtmauer, weil dadurch das Gesindel, die Bettler, Zigeuner ungehindert in die Stadt kommen konnten, Sie verlangten nach Sicherheit:

1.1.1770: Fürst Carl Christian verbot die wilde Bettelei

 Ein tüchtiger Bettelvogt soll in der Stadt Kirchheim bestellt werden, der stark genug ist, um halsstarrige Bettler anzupacken und mit Gewalt fort zu weisen. Der zu bestellende Polizeidiener (Joh. Christian Storck * 30.7.1736, Familienbuch # 198744)  soll mit  Aufsehen , dass die Bettler fort gewiesen werden, soll derselbe auf Collektanten (Sammler) und Bettel-Mäuse sehen und sie abweisen. (Bettelmäuse, weil sie in Löchern verschwanden und nicht mehr auffindbar waren)

Der Stadt-Wachtmeister (Johann Siegfried Lauckhardt * 1738, Familienbuch # 12203) soll ebenfalls ein wachsames Auge darauf haben und die Wächter an den Toren ernstlich anhalten, dass die keine Bettler durchpassieren lassen. Sondern fremde Arme zu dem Stadt-Pfarrer und fremde Handwerks-Personen zu ihrem Innungsmeister weisen, wo sie einen Zehn Pfennig empfangen und sodann die Stadt räumen sollen.

Die Bettler aus der Stadt und von den Dörfern sollen wöchentlich nur einmal, nämlich Samstags von Haus zu Haus als eine Trupp herum gehen und Brot fordern. Der Bettelvogt aber soll zugleich von Haus zu Haus Geld in einer verschlossenen Sammelbüchse sammeln, das an die Armen

an die Armen aus der Stadt und den Dörfern nach der geistlichen Anweisung ausgeteilt wird.

Über alle Almosen, die entweder in Kirchen oder in Häusern gesammelt werden,  oder von Stiftungen eingehen, soll richtige Rechnung geführt und von den Amts- und den Geistlichen dahier gemeinschaftlich die Aufsicht gehalten werden, dass recht damit Haus gehalten werde.

Den Einwohnern der Stadt ist von unserem Amt diese Einrichtung  kürzlich bekannt zu machen und ihnen einzuschärfen, wöchentlich in die Büchse nämlich einzulegen. Auch gegen den herum gehenden Trupp Bettler sich mildtätig zu zeigen. Anderen herumlaufenden Bettlern aber die meistens unbekannte, fremde, liederliche Leute sind,  soll niemand nichts vor den Türen geben, sondern sie fortweisen

In den Dörfern müsste jeder Schultheiß durch seinen Dorf-Wächter fleißig auf fremde Bettler sehen und sie fortweisen lassen. Fremde Bettler und Vagabunden soll kein Schultheiß beherbergen lassen und dafür stehen, es sei denn, dass ein solcher Bettler bei einfallender Nacht bei dem Schultheiß sich um eine Nacht Herberge meldet, wenn es Ihnen nicht möglich wäre, vor der Nacht in ein anderes Dorf zu gehen (St. Florians Prinzip).

Die Pfarrer auf dem Land sollen alle Almosen, die in ihrer Pfarrei gesammelt wurde, für die Armen in ihrer Pfarrei verwenden und darüber dem Amt jährlich Rechnung ablegen. Auf demselben. Auch sollen sie  Anzeige tun, wenn sie mehrere arme Leute haben, als sie mit ihren Almosen versorgen können. Wonach sich unser Amt und die Geistlichen sorgfältig zu achten haben. Kirchheim, den 6.1.1770; Carl Fürst zu Nassau

14.2.1770 im Schloss zu Kibo: Geburt und Taufe der Prinzessin Carolina Louisa Friederica zu Nassau-Weilburg.

Tochter des Gnädigen Fürsten Carl Christian von Nassau Weilburg und der Fürstin Carolina, geborene Prinzessin von Nassau-Oranien-Dietz; die fürstlichen Paten: der Prinz Carl von Hessen-Kassel und seine Gemahlin, die Königliche Hoheit Louisa, geb. Prinzessin von Dänemark, der Erbprinz Friedrich von Hessen – Kassel.
Lebenslauf dieser Prinzessin: sie wurde 22.4.1784 in Kibo konfirmiert und oo 4.9.1787  ihre feierliche Hochzeit im Schloss zu Kibo mit dem Fürsten Carl Ludwig Friedrich Alexander zu Wied-Runkel * 9.9.1763, † 1824. Sie überlebte ihren Gatten um 4 Jahre, und starb im Schloss zu Wiesbaden am  † 8.7.1828;

15.6.1770: Verbot der Hazard-Spiele, die in Kirchheimbolanden schwunghaft betrieben wurden.

Nachdem wir in zuverlässige Erfahren bringen mussten, dass …. In unserer Residenz-Stadt Kirchheimbolanden, die Land verderbliche Hazard-Spiele in Schwung gehen, wodurch mancher sein sonst sauer erworbenes Vermögen stündlich auf die Spitze der Zugrunderichtung und alle Augenblicke der Gefahr einer gänzlichen Verarmung sich aussetzt, wie z. B. Michael Kägy. …….

Da wir noch außerdem höchst missfällig vernehmen müssen, wie sich reiche und arme, hohe und niedere Bewohner und Untertanen unserer Landen verleiten lassen, in fremde und auswärtige Lotterien und Lotto einzulegen, einen gewissen Teil ihrer Habschaft auf einen ganz unsicheren Glücksfall, der unter Tausenden kaum einen trifft, zu wagen und sich unvermerkt in den tiefsten Missstand zu versenken

13.7.1770: dazu das Rundschreiben des Fürstlichen Präsidenten Direktor Herrn  Hans Weinrich

Nachdem unser Gnädiger Fürst aus eigener gnädigster Bewegung heraus, am 15ten vorigen Monats die beiliegende Verordnung gegen die Hazard-Spiele und auswärtige Lotterien ergangen und durch den Druck hat bekannt machen  lassen. Außerdem hat “dem sicheren Vernehmen nach, der eine oder andere Geistliche nicht nur Geld in auswärtige Lotterien eingelegt, sondern sich wohl mit Collecten und dergleichen belastet oder auf eine andere Art interessiert. Also übersenden wir Euch 20 Exemplare zur eigenen  Beachtung und an die Euch untergebenen Schulmeister zur ebenmäßigen Geltung zu bringen.

Wir erwarten über den Empfang dieses Rundschreibens eine Bestätigung  mit eines jeden Unterschrift. ad acta und zurück. Verbleiben damit Freundschaft zu erweisen gezeigt, Weilburg, den 13. Juli 1770

Fürstlich  Nassau Saarbrücken Präsident, Geheimer Direktor und Kaiserlicher Rath Hans Weinrich. die Pfarrer bestätigten den Empfang siehe oben.

Michael Kägy verspielte Haus und Hof

Johann Michael Kägy, Mennonit, * um 1740, hatte in Kirchheimbolanden 7.000 Gulden verspielt. Sein Vermögen wurde gepfändet und am 15.5.1772 versteigert.  Unter den Hammer kamen 23 Äcker in der Gemarkung Albisheim mit einem Gesamterlös von 3.014 Gulden, die nachstehenden Albisheimer ersteigerten diese Äcker.

Da diese Zwangsversteigerung ZV die Gläubiger nicht befriedigte, kamen auch Haus und Hof unter den Hammer. Dies war das sogenannte Faustisch-Strombergische Erbbestandsgut in Albisheim. das für 2.000 Gulden Frankfurter Währung den Eigentümer wechselte. Neuer Eigentümer wurde die Familie Johannes Bürcky,

Aus den Versteigerungsunterlagen geht nicht hervor, wer Gläubiger war und deshalb den Versteigerungserlös für sich beanspruchte. Dies könnten eventuell Unterlagen aus Kibo belegen. Es ist auffallend, dass die Familie des Freiherrn von Geispitzheim um diese Zeit aus Kibo wegzog und ihr prächtiges  Gebäude in der Schloßstraße von Herrn Chormann erworben wurde, der daraus das Gasthaus zum Weißen Roß machte. .

11.4.1771: Fürst Carl Christian ließ  seit dem 2.1.1770 Bürgern helfen, wenn sie schuldlos in eine finanzielle Schieflage geraten waren.  Lt Anweisung war die Kirchenschaffnerei für die Bearbeitung zuständig.

Beispiel  die Familie Joh. Ludwig und Maria Eva Messerschmidt aus Orbis

Die Familie erhielt am 11.Nov. 1771 in Kirchheimbolanden 100 Gulden Frankfurter Währung ausbezahlt, das mit 6 % zu verzinsen war. Zur Sicherheit verpfändeten sie drei Äcker im Wert von 205 Gulden. Der Kredit hatte eine Laufzeit von 35 Jahren und wurde am 20.8.1806 gelöscht.

 

28.4.1777:  Fürst Carl Christian förderte die Landwirtschaft und das Gewerbe

Der Fürst  hatte eine beträchtliche Summe Geldes ausgesetzt, um einen Wetteifer zu erwecken, um zu Fleiß und Arbeitsamkeit aufzurufen und zu ermuntern

  1. Ein Dukaten für den Anbau des besten Klees
  2. Ein Carolin für die Ernte des meisten Klees
  3. Ein Carolin, wenn das Hornvieh während des ganzen Jahres im Stall verbleibt
  4. Ein Carolin für den Anbau des besten Hanfes
  5. Prämien an zwei Personen, die den meisten Hanf gesponnen haben, 1 Carolin für den Besten, ½ Carolin für den 2. Besten
  6. Prämien an zwei Personen, die das meiste Leintuch produziert und exportiert hatten. Ein Carolin für den Besten, ½ Carolin für den Zweitbesten
  7. Prämien von 1 und ½ Carolin an die zwei, nicht gelernten Leinenweber, die das meiste Leinentuch in ihrer eigenen Stube produziert hatten.
  8. Eine Prämie von 15 Gulden an den Mann, der das feinste Garn spinnen kann, Zehn Gulden an die Weibsperson, die gleiches kann.
  9. Zwei Belohnungen von je einem Dukaten an die Personen, die auf ihren Feldern von mindestens ¼ Morgen Größe den meisten Weizen und an den Bauern, der den feinsten Weizen erntete.
  10. Die Prämien sollen auf 3 aufeinander folgende Jahre gezahlt werden.

 

24.12.1781: milde Strafrechts- Erleichterung

 

Die nun etwas abgemilderte Strafandrohung des Herrn Fürsten Carl, Fürst zu Nassau bezieht sich auf die vom → 12.7.1742, erweitert sie aber auch andere strafbare Tatbestände, die im Kirchheimer Schloss begangen wurden. Dort steht Folgendes:

„…wenn irgend jemand, er sei ein fremder oder einheimischer Domestik, männlichen oder weiblichen Geschlechts, der sich unterstehen würde, in unseren Schlössern und dazu gehörigen Gebäuden, wie Orangerie, Marstall, Officen, Kellern, Küchen, Zuckerbäckereien, Wasch- und Backhäusern Geld, Hausrat, Mobilien uns selbst oder den darin sich aufhaltenden Bedienten, Domestiken und Fremden, oder wenn ein Kamerad dem anderen im Wert von einem bis 25 Gulden in diebischer Weise entwendet, wenn sie älter als 18 Jahre sind, dann sollen sie nicht mehr mit der Todesstrafe, sondern mit einer 10jährigen Zuchthausstrafe belegt werden, es sei denn, dass bei dem verübten Diebstahl andere schwerwiegende Taten begangen wurden. Wenn der Dieb noch keine 18 Jahre alt ist oder der Wert der Sache beträgt weniger als ein Gulden, dann sollen die Straftäter willkürlich bestraft und weggejagt werden.

Die Hehler und Ratgeber, die die gestohlenen Sachen in ihren Häusern oder an anderen Ort verborgen halten, am Verkauf oder nur am Fortbringen beteiligt waren, oder aber mit Rat und Tat behilflich waren, ob sie etwas davon genossen haben oder nicht, werden mit zehnjähriger Zuchthausstrafe oder mit Auspeitschen und ewiger Verbannung bestraft, es sei denn, nach Art des Diebstahls würde die Todesstrafe drohen“, wenn der Wert 25 Gulden überstiegen hatte.

Und damit niemand hierin einige Unwissenheit vorschützen könne, soll diese Verordnung nicht allein in den Städten und von den Beamten auf dem Lande publiziert und alle Jahre öffentlich von den Kanzeln erneuert, sondern auch von unseren Hofmarschällen überwacht werden, dass jedem Domestiken, der bei Hof oder in eines unserer Schlösser in Diensten aufgenommen wird, deutlich vorgelesen wird.

Carl, Fürst zu Nassau

13.2.1782:  Begleitschreiben des Herrn Weinrich

“die gnädigste Verordnung wegen der Diebereien bei Hof  und der Bestrafung derselben” “Nachdem die unterm 12.7.1742 bestimmte höchste Verordnung wegen der Diebereien bei Hof  des Gnädigen Fürsten gnädigst abgeändert und gemildert werden. So hat nun derselbe nach höchstem Befehl zum Druck befördert und zu den fürstlichen Ämtern zur Publication bereits aufgegeben wurden.  So wurden auch davon den Herren Geistlichen in fürstlichen Landen drei Exemplare zugeführt, damit diese Verordnung nicht allein sobald nach dem Empfang  am nächste Sonntag nach dem ersten Gottesdienst von der Kanzel zu jedermanns Wissen verlesen, sondern auch diese Bekanntmachung alljährlich auf den nämlichen Sonntag wiederholt werde. Übrigens ist von den Herrn Geistlichen – an die dieses Rundschreiben gerichtet ist- von Ort zu Ort zu befördern. So hat eine Abschrift in den Pfarr-Akten zu nehmen und sofort solches Rundschreiben mit der Unterschrift über den Empfang wieder zurück zu senden. Weilburg, den 13.2.1782.

Der Empfang: 25.2.1782 in Kibo von Pfarrer Hahn, am 26.2.1782 in Morschheim von Marchwirth, Bischheim den 27.2.1782 von Liebrich und in Albisheim am 28.2.1782 von Pfarrer Kayser.  Die Veröffentlicht  am 3.3.1782, Sonntag Oculi

 

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