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1715 / 1716 Bau & Betrieb des Albisheimer Eisen- und Hammerwerks

  • Wie bei allem Neuen, die neuen Eisenwerke waren anfänglich bei den Albisheimern heftig umstritten. Sie wurden damit geködert, es entstünden durch die Eisenwerke für sie eine Menge Arbeitsplätze. Die Schmelz-Arbeiter und Hammerschmiede waren Fachleute und kamen mit ihren Familien von überall her. Sie lebten alle auf der Schmelzmühle, es sei denn, sie hatten das Glück wie der Constantin Handschuhmacher, der sich ein Albisheimer Mädchen angelte und bei den Schwiegereltern wohnte. Die zahlreichen Arbeiter hatten wohl wie damals üblich Jahresvertrage. Sie waren anscheinend eine eingeschworene Gemeinschaft, die gut bei den schweren und gefährlichen Arbeiten harmonieren musste. Das erkennt man aus den Patenlisten.
  • Erst nach dem Frieden von Badenin 1714, konnte sich Graf Johann Ernst aus der franz. Zwangsjacke befreien und er initiierte die industrielle Ansiedlung in Albisheim. Er veranlasste den Bau von Eisenstätten, nämlich Schmelzen und Hämmer. Bauleiter war der Baumeister Herr Benedikt Brutscher[1] aus Usingen, der die Schmelz und den Hammer in 1714/1715 angelegt hatte“ Für den Hammerbetrieb in der neuen Oberen Schmelzmühle wurde in Fronarbeit ein langer Mühlgraben gezogen, der am Heyerhof begann und sich nördlich parallel zur Pfrimm hinzog. Zur Wasserregulierung hatten die Planer am Eingang des Mühlgrabens eine Wehrmauer errichtet, an der sich das Wasser staute. Und es dauerte nicht lange, dass sich dort ein Unglück ereignete. Am 1. März 1720 hatte der Engelwirt sein Gasthaus >Zum Engel< geschlossen und war auf Sauftour mit seinem Lieblingskunden, dem Schneidermeister und dem früheren stellvertretendem Schultheißen Johann Adam Stilgenbauer in Marnheim unterwegs gewesen. Damit ihre Eskapaden nicht für jeden sichtbar wurden, traten die beiden Betrunkenen erst nach Einbruch der Dunkelheit ihren Heimweg an. Berauscht und auf unsicheren Füßen verlor Engel Ermarth das Gleichgewicht und fiel in das eiskalte Wasser des neuen Wehrs und ertrank. Total besoffen, unfähig zur Hilfe tappte Stilgenbauer weiter und gelange irgendwie in sein Bett. Nachher schob Jedermann die Schuld auf den versoffenen Stilgenbauer, der angeblich den braven Engel Ermarth verführt hätte.
  • Dieser über 2 km lange Mühlbach mündete in den Albisheimer Mühlteich, einem großen Wasserspeicher, der einen Überlauf hatte. Das Wasser des Mühlteiches garantierte einen geregelten Betrieb. Führte die Pfrimm nach der Schneeschmelze viel zu viel Wasser, dann ließ der Mühlenbetreiber die Wasserzufuhr drosseln. Bei Niedrigwasser waren die Mühlen von Immesheim, Einselthum, Harxheimetc schlecht dran und sie saßen wochenlang auf dem Trockenen. Im Winter übrigens war der zugefrorene Mühlteich der ideale Spielplatz für die Kinder, auf dem sie glitschten und/ oder Schlittschuh liefen
  • Diese Investition schien für die Albisheimer sehr positiv zu werden. Die Schmiedemeister Melchior Zahn und Fabian Baum& Co. hatten große Standortvorteile und konnten direkt vor Ort ihr Eisen beziehen, ohne hohe Frachtkosten und lange Transportzeit in Kauf nehmen zu müssen. Auch die Getreide- Loh- und Steinmühlen und landwirtschaftlichen Betriebe schienen in der Zeit 1714 – 1733 sehr gut floriert zu haben, denn alle hatte zahlreiche auswärtige Knechte eingestellt und die Einwohnerschaft wuchs schnell an.
  • Um die hohe Schmelztemperatur des Eisenerzes von etwa 1.200 ° Grad zu erreichen, war viel Holzkohle erforderlich gewesen. (Akt 492/493, aus Fach 34). Der Transport war das geringste logistische Problem, denn er wurde in regelmäßiger Fronarbeit von den eigenen Fuhrleuten erledigt. Das Erz kam zuerst vom Donnersberg. Als die Erzvorkommen dort jedoch erschöpft waren, holten die Fuhrleute das Eisenerz (damals genannt Eisenstein) im Hafen der heutigen Landeshauptstadt Mainz ab und brachten es zur Albisheimer Schmelzmühle. Das vom Wasser angetriebenen mächtige Hammerwerk zertrümmerte die Erzbrocken, die dann in den Schmelzöfen verflüssigt wurden. Mehr wissen wir nicht. Weder ob das Schmelzgut Zuschläge erhielt, noch in welcher Form das gewonnene Eisen  verkauft wurde.
  • Die Eisenwerke liefen 1715/16 bereits auf Der erste Verwalter des Hüttenwerks war Herr Grott. Die notwendigen Verwaltungsarbeiten erledigte der Schreiber Henrich Heumann, wie wir aus dem Taufregister 1716 erkennen können. Die technische Leitung war in den Händen des Meisters Johann Adam, der 1717 als Taufpate genannt wurde. Auffallend ist, dass zwischen dem 27. Januar und 1. Februar 1716 vier Arbeiterfrauen innerhalb von nur 6 Tagen ihre Kinder auf die Welt brachten. Die Familie Wecker stammte aus Württemberg und Jeremias Lindenbrüngk aus der Gegend von Waldeck. Hans Georg Göhring war katholisch und war auch kein gebürtiger Albisheimer. Patin seiner Tochter war Charlotta, die Tochter des Baumeisters Brutscher. Die vierte im Bunde war die am 1.2.1716 geborene Anna Elisabetha Hemb, die Tochter des Kutschers Johann Henrich Hemb, der aus Braunschweig zugezogen war.
  • Ein weiterer Tagelöhner auf der Schmelz war Johann Franz Schäffer, der mit seiner jungen Frau Anna Elisabetha dort wohl wohnte (hauste). Ihr Sohn Johann Henrich erblickte am 7.6.1716 das Licht der Welt und wurde am 12ten getauft. Da die Schäffers keine Verwandtschaft vor Ort hatten und sich die Albisheimer zierten, half Pfarrer Gräßermit seiner Familie aus. Die Paten waren Henrich Balthasar Gräßer, des Pfarrers Sohn und Elisabetha, die Gemahlin des Pfarrers. Der dritte Gevatter war der Albisheimer Johann Dietrich Franck, der vor kurzem erst nach Albisheim gekommen war.
  • 1716 hatten auch Johann Theobald und seine Frau Maria Sophia Niefer aus dem Unteren Elsaß auf der Schmelz gearbeitet. Dann waren sie weg. Pfarrer Gräßerbezeichnete sie als reisende Leute. Anfang Februar1717 kam das Ehepaar wieder zurück. Frau Niefer war hoch schwanger und am 10.5.1717 brachte sie einen Knaben zur Welt. Die Patenschaft übernahm die Familie Caspar NN aus dem Schwabenland, die auch in dem Eisenwerk gearbeitet hatte.
  • Aber für den Schmelzprozess war es unerlässlich, preiswerte Holzkohle in ausreichender Menge zu bekommen. Dazu wurde der Albisheimer Wald geplündert. Dagegen wehrte sich natürlich Albisheim. Nach langem staatlichen Hinhaltens und Vertröstens war der erste Prozess („der Neuzeit“) am 4.1720 in Kirchheim, aber der voreingenommene Richter = Amtmann urteilte zugunsten Dannenfels, der das Besitzrecht Albisheim schmälerte. Der Einspruch der Gemeinde Albisheim wurde erst 1722 wieder in Kirchheimbehandelt und dann wieder glatt abgeschmettert. Die Sache, welche immer mehr verwickelt wurde, musste gründlich untersucht werden. Dadurch erwuchsen der Gemeinde Albisheim nichts als „schwere Kosten“, die sie in ihrem Bemühen ermatten lassen sollte. Ebenso ist es mit ihren Schultheißen ergangen, die entweder sehr kurz in ihrem Amt verblieben oder den Albisheimer Bürgern zuwider gewesen sind. Die Kirchheimer Verwaltung versuchte vergeblich die Aussöhnung über den von ihr angestellten Albisheimer Hüttenverwalter Herr Johann Henrich Flick[2], der kurzfristig auch das Amt des Albisheimer Schultheißen ausgeübt hatte (Akt S. 407). Dadurch kehrte natürlich kein Frieden ein, im Gegenteil.
  • Aber beim Schmelzvorgang entstehen giftige Dämpfe, an denen 1723 der Platz-Knecht Peter Wilhelmi erstickte. Dies steht in einem Nebensatz im Geburtsregister von 1723 als seine Witwe Anna Margretha am 9.8.1723 als Patin genannt wurde. Am 9.8.1723 hatte der auf der Schmelz arbeitende Knecht Philipp Lorch und seine Frau Anna Catharina eine Tochter bekommen. Im Sterberegister Albisheims ist jedoch dieser tödliche Betriebsunfall mit keinem Sterbenswörtchen
  • Mit dem Advokaten und Amtsschreibers Herr Heinrich Chormann (1739 – 1741) war es nicht besser geworden. Der Gutverwalter Flick, zugleich gewesener Albisheimer Schultheiß, hatte die Akten und Dokumente von der Witwe seines Vorgängers an sich gebracht und bei seinem Abschied von Albisheim mit sich genommen, so dass man lange Jahre nicht gewusst hatte, wo diese abgeblieben waren. Bis solche anno ungefähr in den Jahren 1738 oder 1739 in Landau ausfindig gemacht und wieder gegen schweres Geld in Albisheimer Besitz gebracht wurden

[1]) Zitat aus dem lutherischen Kirchenbuch, Taufregister, Benedikt Brutscher wurde am 22.7.1715 als Pate des Henrich Ludwig Schrumpf genannt. Sein Vater Johann Georg war Schulmeister in Worms und arbeitete als Feldmesser für die Grafen von Nassau Weilburg. Die Einmessungen der Jahre 1709 bis 1724 in Albisheim hatte er nachweislich betreut. Dass Pfarrer Gräßer die Kindtaufe vornehmen durfte, ist ein Zeichen für die damalige Haltung, die wir heute als Neztwerk, Seilschaft bzw. Vetternwirtschaft bezeichnen würden. Oder eine Hand wäscht die andere. Die Einflussreichen gewährten sich gegenseitig Vorteile

[2]) Hieronymus Emrich schrieb am 8.4.1726 das Oberamt in Kirchheim an. Ein Kommentar auf dem Briefumschlag, dass der Herr Verwalter Frick den Postleuten nicht das Geld bezahlen wollte, sondern ein Konto eingerichtet haben wollte. Joh. Henrich Frick  war 1727 noch Hüttenverwalter und ihm unterstanden zu dieser Zeit die Hammerschmiede 1.) Jacob Handschuhmacher, 2.) Jacob Löwen, der Vater des am 12.11.1727 geborenen des Henrich Jacob geworden war und bei dem der Chef persönlich die Patenschaft übernommen hatte und der Hammermeister 3.) Johann Hartmann. mit seiner Frau Elisabetha. Auf der Schmelz arbeitete länger als ein Jahrzehnt  u.a. noch der Fuhrknecht Christophel Weyl