1742 freche Diebstählen im neuen Kirchheimer Schloss

Verordnung vom 12.7.1742

Carl August[1], der frisch gebackene Fürst zu Weilburg kam regelmäßig, mehrmals im Jahr in seine Residenz nach Kirchheimbolanden, um sich am Baufortschritt seines neuen Schlosses zu erfreuen. So auch im Frühjahr 1742. Auch bei jeder Fahrt brachte er kutschenweise wertvolle Möbel, Gemälde und feinste Dekorationsstücke mit, die er und seine Gattin persönlich ausgesucht hatten. Darunter war wertvolles Porzellan und Tafelsilber, das ihn und seine Gäste bei Tisch erfreuen und vom neuen Ruhm und Glanz zeugen sollte.  Alles war fein säuberlich auf Transportlisten festgehalten worden. Nach der Ankunft sollte alles nach seinen Wünschen so platziert werden, dass es ihn am meisten erfreuten. Dies hätte alles so schön sein können, aber dann kam aus heiterem Himmel die eiskalte Dusche, die ihn aus den fürstlichen Planungen in die tiefsten menschlichen Niederungen hinab riss. In seinem Beisein wurde ausgepackt und alles Suchen half nichts, da fehlte bereits die Hälfte. Wo waren die Sachen hingekommen? Wer hatte sie geklaut. Einer schob die Verantwortung auf den Anderen. Keiner wollte es gewesen sein. Fürst Carl August war entsetzt, schockiert. Er schreibt: „während unseres Aufenthaltes in Kirchheim ist von unserem Tafelservice, von den Kutschern und auch sonst wie von den in unserer Livree stehenden Dienern, sogar während der Aufwartung verübte Diebstähle und Entwendungen vorgenommen worden“. Die sprichwörtlich berühmt gewordenen silbernen Löffel wurden ganz einfach eingesteckt und niemand wollte es gewesen sein. Wertsachen waren verschwunden. Wer hatte sie genommen, wo waren sie verblieben?

„Es sind Dinge an den Tag gekommen, die die allgemeinen Reichsgesetze und besonders das des Kaisers Carl V., peinlicher  Halsgerichts Ordnung wie auch die des Oberrheinischen Kreises gefassten Sanktionen betreffen. Da die auf das Laster der Dieberei gesetzten schweren Leibes- und Lebensstrafen bisher nicht hinlänglich sind, dem einreißenden Übel gegenzusteuern, erscheint es unumgänglich notwendig zu sein, schärfere Maßnahmen zu ergreifen.

  1. Ab dem Tag der ordentlichen Verkündigung an gilt Folgendes: Sei er Mann oder weiblichen Geschlechts, Fremde oder Einheimische, welche sich unterstehen, in unserem Schloss oder in den uns gehörenden Gebäuden, Orangerie, Marstall, Büros, Kellereien, Küchen, Zuckerbäckereien, Wasch- und Backhäusern Geld, Hausrat, Mobilien oder sonstiges zu entwenden oder stehlen, was mehr als einen Gulden gekostet hat, so soll diese Person, wenn sie das Lebensjahr zurückgelegt hat, ohne Ansehen und Rücksicht, ob es das erste oder zweite Mal geschehen ist, ob es einen Gulden oder 100 wert sei, zwei mal 24 Stunden aufgehenkt und mit dem Strang vom Leben zum Tod[2] gebracht werden. Die unter 18 Jahren aber sollen nach Maßgabe des Rechts kurzfristig und schleunigst abgestraft und vom Hof weggeschafft und niemals mehr dort gelitten werden.
  2. Dergleichen Leute, die zu den Diebstählen Rat und Tat geben, die gestohlene Sachen in ihren Häusern und Logements verbergen, oder zu dem Verkauf und Fortbringung behilflich gewesen sind, sie mögen davon genossen haben oder nicht, werden mit Auspeitschen bestraft und ewig aus dem Land verwiesen. Aber zuvor müssen sie mit den Hauptverbrechern und Dieben eingekerkert Während des Vollzugs derer Todesstrafe müssen sie zusehen.

Damit mir keiner Unwissenheit vorschützen könne, so soll diese Verordnung nicht allein in der Stadt, sondern auch von den Beamten auf dem Land publiziert und alle Jahre am 7. Sonntag nach Trinitatis von allen Kanzeln und jedem Domestiken von seinem Vorgesetzten laut und deutlich verkündet werden“[3].

Aber da wurde nicht nur geklaut, was nicht niet- und nagelfest war, sondern einige der Beamten,  Schultheißen und Pfarrer waren korrupt, die nur gegen Geld oder geldwerten Vorteil in gewünschter Weise aktiv wurden. Darunter müssten wohl auch die Albisheimer gelitten haben, die bei ihren Waldprozessen oft von merkwürdigen Entscheidungen überrascht wurden. Deshalb erließ der Graf am 24.5.1746 eine Verordnung, um die Korruption einzudämmen. (Suchbefehl → 24.5.1746)

So emotional aufgeladen, stellte er auch gleich zwei Henker ein!

Verordnung vom 12.7.1742

[1]) Graf Carl August von Nassau regierte von 1719 – 1753:  im Jahr. 1737 wurde er in den Reichsfürstenstand erhoben. Der Fürst brauchte nun für sich ein repräsentatives Schlosse, mit Schlossgarten, Orangerie u.s.w. das nun auf freiem Gelände nördlich der alten Stadtbefestigung errichtet wurde. Architekt war der Mannheimer Schlossbauarchitekt Gaullaume d´Hauberat. Baubeginn war 1738 und die reinen Bauarbeiten gingen recht flott voran. Das Architektenteam bezog Material aus den übrigen weilburgischen Landesteilen, das die Fuhrleute bis nach Mainz Kastell brachten, wo es die Albisheimer Fuhrleute in Fron abholten. Diese Transportleistungen für den Schlosspark und die Orangerie gingen nachweislich bis 1756. Fürst Carl August hatte sich vorher rechtzeitig den zollfreien Transfer durch Kurmainzer Gebiet und die Kurpfalz genehmigen lassen.

[2]) Scharfrichter zu dieser Zeit waren Valentin Nord und sein Folterknecht & Schwiegersohn  Johann Valentin Hoffmann. Valentin Nord ist der Sohn des Paul Nord, der schon um 1700 das Scharfrichteramt in Kirchheim ausgeübt hatte. Die Kindtaufen und Hochzeiten der Henker Kirchheimbolandens waren sowohl Familien- als r auch Treffen von Berufskollegen aus Oppenheim, Mainz, Mannheim, Becherbach, die zur damaligen Fortbildung gehörten.

[3]) Diese Verordnung wurde vom Fürsten Carl Christian am 24.12.1781 etwas abgemildert. (Akt XXVIII N° 46). Verfasser war Kanzler von Botzheim. Pfarrer Kayser erhielt die als Rundschreiben verfasste VO am 28.2.1782 vom Pfarrer Liebrich und verlas sie Sonntag, Okuli, den  3.3.1782  zusammen mit der vom →12.7.1742.